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Telezoom oder Telefestbrennweite

7. Januar 2019

Fototechnik, Kameratest

 


Ein kleiner Größenvergleich Canon 4,0 200-400mm L IS und Canon 2,8 400mm L IS II

 

 


Größenvergleich Canon 2,8 400mm L IS II zu Canon 4,5-5,6 100-400mm L IS II und Canon EOS 5DSR

 

Heute möchte ich mich dem Thema Zoom vs. Festbrennweite im Telebereich widmen. Dabei soll der Fokus nicht nur auf der optischen Leistung liegen, sondern auch auf dem Thema Brennweite im Nahbereich, das häufig wenig Beachtung findet. Die Telezoomobjektive sind inzwischen extrem gut geworden. Wenn ich das Canon 4,0 200-400mm L IS und das Canon 4,5–5,6 100–400mm L IS II betrachte, liegen diese auf einem optisch unglaublich hohen Niveau.

Gerade das Canon 4,5–5,6 100–400mm L IS II, das ich erst seit Kurzem im Einsatz habe, überrascht mich hier. Es ist extrem scharf in der Bildmitte und liegt somit fast gleich auf mit dem Canon 2,8 400mm L IS II. Je weiter es an den Bildrand geht, umso größer wird der Unterschied zwischen der Festbrennweite und dem Zoom, sodass man gerade an den Bildrändern was Bildschärfe und Chromatische Aberrationen angeht einen Unterschied sieht. Dennoch ist die Bildschärfe des vergleichsweise günstigen Canon 4,5–5,6 100–400mm L IS II bei 400mm und Offenblende wirklich beeindruckend gut. Was bei aller Euphorie nicht vergessen werden sollte, ist die Tatsache, dass eine Offenblende von 5,6 eine ähnliche optische Leistung liefert wie die Festbrennweite bei 2,8. Das macht effektiv einen Unterschied von einer 4x schnelleren Verschlusszeit aus.

 


Testmotiv Bildmitte

 


Testmotiv Bildrand

 


Ausschnitte

Um dies zu verdeutlichen, habe ich einfach einen ganz klassischen Test gemacht, bei dem ich einfach ein Nummernschild für euch fotografiert habe. Hierfür habe ich eine Canon EOS 5DSR genommen, um eine möglichst hohe Auflösung für den Vergleich zu nutzen. Gleichzeitig wurde mit dem Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II ein sehr stabiles Stativ verwendet. Ich sehe deutlich: In der Bildmitte ist die Qualität wirklich extrem gut beim Zoom, zum Rand hin baut das Zoom ab, liefert aber immer noch sehr gute Ergebnisse.

Doch es gibt zwei entscheidende Unterschiede zwischen den Zooms und den Festbrennweiten, diese finde ich bei der Freistellung und der Brennweite im Nahbereich. Ich gehe zunächst auf das Thema Freistellung und Bokeh ein und widme mich danach dem Thema Brennweite im Nahbereich, der natürlich auch auf die hier gezeigten Bilder einen Einfluss hat. Vorab bei der Bildauswahl will ich keine anspruchsvollen Motive zeigen, sondern nur die limitierenden Faktoren der Zoomobjektive aufzeigen.

Wenn ich an Bokeh, Freistellung und Festbrennweiten denke, denke ich oft an Magie. Egal ob es ein 1,4 85mm L IS, ein 2,8 180mm OS Macro, ein 2,8 300mm L IS II oder Ähnliches ist, diese speziellen Festbrennweiten haben alle etwas gemeinsam: Es ist eine gewisse Magie und Bildwirkung, die durch das Bokeh entsteht. Die Freistellung ist wunderschön, die Vignette wirkt toll und die Unschärfekreise sind groß und rund. Es ist einfach eine eigene Poesie, die die Festbrennweiten liefern, und das Arbeiten macht Spaß. Die Zoomobjektive liefern genau das nicht. Zur Veranschaulichung habe ich einfach mein Vogelhäuschen fotografiert. Der Abstand beträgt etwa 10.000mm, der Standpunkt ist identisch. Wir sehen zwei entscheidende Dinge, das Zoomobjektiv hat eine kürzere Brennweite bei 400mm, und die Freistellung bei 2,8 ist eine ganz andere als bei 5,6 des Zooms.

 


Die Freistellung der Festbrennweite ist deutlich ansprechender als die des Zooms.
Canon EOS 5DSR + Canon 2,8 400mm L IS II @ 2,8 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,5-5,6 100-400mm L IS II @400mm F/5,6 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 

 

 

Im Anschluss habe ich auf eine Entfernung von 3.000mm fokussiert mit beiden Objektiven. Der Standpunkt ist wieder identisch. Ich habe nun eine Lichterkette fotografiert, die das Bokeh verdeutlichen soll, und man sieht einen riesigen Unterschied. Die Unschärfekreise beim 2,8 400mm L IS II sind riesengroß im Vergleich zum 4,5–5,6 100–400mm L IS II bei 400mm und F/5,6 . Es ist kaum zu glauben, dass sowohl Standpunkt als auch Fokusentfernung absolut gleich eingestellt worden sind. Da meine Fotografie oft von wunderbarer Freistellung und tollen Hintergründen lebt sieht man hier deutlich, warum ich gerne zur Festbrennweite greife.

 


Kaum zu glauben, dass die Unschärfekreise bei gleichem Arbeitsabstand und Fokussierentfernung so unterschiedlich sind, was die Größe angeht.
Canon EOS 5DSR + Canon 2,8 400mm L IS II @ 2,8 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,5-5,6 100-400mm L IS II @400mm F/5,6 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 

Nahbereich

Widmen wir uns nun den Problemen von Zooms im Nahbereich. Viele setzen Teleobjektive auch gerne im Nahbereich ein. Sei es für Portraits oder für Pflanzenfotografie, gerade ich fotografiere sehr viel im Nahbereich. Zooms sind super, sobald man einen gewissen Abstand zu seinem Motiv hat, hier ist die Performance, wie oben bereits gezeigt, inzwischen herausragend, die 70–200er oder 100/180/200–400er bringen eine unglaubliche Schärfe und ich setze sie wirklich sehr gerne ein.
Ich habe für meinen Vergleich einige meiner Lieblingsobjektive genommen, das Canon 2,8 400mm L IS II und das Canon 4,0 200–400mm L IS. Jedes einzelne dieser Objektive ist dafür, wofür es gebaut worden ist, einzigartig und bringt mir in der Praxis sehr viel Freude und tolle Ergebnisse. Das ist auch der Grund, warum ich diese gekauft habe.

 

Praxis:

Kommen wir zum Nahbereich. Die über 10.000€ teuren 200–400er von Canon und Nikon liefern hier eine tolle Schärfe ab. Ihre Schärfe ist auch im Nahbereich herausragend und durchaus auf dem Niveau der Festbrennweiten zu sehen. Doch es gibt ein Problem im Nahbereich: Die Brennweite der Zooms verkürzt sich im Nahbereich extrem. Im ersten Moment ist dies schwer zu glauben. Aber der Unterschied ist wirklich sehr deutlich bemerkbar. Das liegt daran, dass die meisten Hersteller auf Innenfokussierung setzen, 99% der Objektive nutzen diese ganz oder in Teilen (Mischformen sind oft üblich). Hierdurch verkürzt sich die effektive Brennweite an der Nahgrenze.

Messung:

Mich interessierte eine praxisnahe Messung für den Vergleich Festbrennweite vs. Zoom. Ich habe mir also die längere Naheinstellgrenze des 2,8 400mm L IS II als Arbeitsabstand genommen und mit den entsprechenden Pendant, Canon 4,0 200–400mm L IS, verglichen. Ziel war es für mich, in der Praxis abzuleiten, welche Objektive wann und wo schwächeln, um diese entsprechend optimal einsetzen zu können. Dazu habe ich eine einfache Messlatte aufgenommen, um genau sehen zu können, wie groß das abgebildete Objekt ist. Im zweiten Schritt habe ich eine einfache Blume mit den gleichen Arbeitsabständen genommen und geschaut, wie Bokeh, Schärfe und Bildausschnitt wirken.

Ergebnis und Praxisbezug:

Das Ergebnis überraschte mich wirklich. Beim Canon 4,0 200–400mm L IS zum 2,8 400mm L IS II habe ich die Naheinstellgrenze des Canon 2,8 400mm L IS II von 2700mm gewählt und das Zoom am langen Ende bei 400mm verglichen. Das 2,8 400mm L IS II hat dabei den von Canon spezifizierten Abbildungsmaßstab von 1:5,88 erreicht. Das 200–400mm bei 400mm und 2700mm Abstand erreichte einen Abbildungsmaßstab von ca. 1:8,39. Aufgrund dieses deutlichen Unterschiedes schwenkte ich den 1,4x Extender ein und erhielt einen Abbildungsmaßstab von etwa 1:5,88. Dieser stimmt ziemlich genau mit dem Abbildungsmaßstab des 2,8 400mm L IS II ohne Extender überein. Das Ergebnis bedeutet jedoch, dass bei einem Arbeitsabstand von 2700mm das 200–400mm mit 1,4x Extender über eine Offenblende von 5,6 verfügt, das 2,8 400mm hingegen 2,8. Der Unterschied im Bokeh ist hierdurch mehr als deutlich, und hier ist die Festbrennweite klar im Vorteil was die Bildwirkung im Nahbereich angeht. Umgekehrt könnte man auch interpretieren, dass die Brennweite bei einem Arbeitsabstand von 2700mm beim Zoom fast 40% geringer ist als angegeben. Das ist tatsächlich nichts Neues, bzw. das muss physikalisch so sein. Den Unterschied aber so deutlich zu sehen, öffnet hier nochmals die Augen.


Canon EOS 5DSR + Canon 2,8 400mm L IS II @ 2,8 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,0 200-400mm L IS @400mm F4,0 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,0 200-400mm L IS +1,4X Extender @560mm F5,6 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Die Freistellung der Festbrennweite ist ein wenig ansprechender als die des Zooms, wobei das Canon 200-400mm L IS hier für ein Zoom wirklich vorbildlich abliefert. Bei einem Arbeitsabstand von etwa 10m, ist der Unterschied in der Größe des Abbildungsmaßstabes zu vernachlässigen.
Canon EOS 5DSR + Canon 2,8 400mm L IS II @ 2,8 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,0 200-400mm L IS @400mm F4,0 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

Das 200–400mm ist für mich eine perfekte Linse für die Tierfotografie, also probierte ich einen weiteren Arbeitsabstand von ca. 10.000mm für die Tierfotografie aus. Das ist ein Arbeitsabstand, bei dem ein Mäusebussard etwa formatfüllend abgebildet werden würde. Der erzielte Abbildungsmaßstab des Zooms lag hier bei etwa 1:23,5, der der 400mm Festbrennweite bei 1:21,5. Bei einem noch größeren Arbeitsabstand würde der Unterschied noch geringer werden. Das praxisbezogene Fazit an dieser Stelle ist, dass das Canon 200–400mm L IS sich hervorragend für die Tierfotografie und Actionfotografie eignet, jedoch im Nahbereich nicht seine Stärken ausspielt. Die Schärfe im Nahbereich ist zwar top, das Bokeh jedoch im Vergleich zum 2,8 400mm L IS II jedoch nicht. Hier muss jeder für sich entscheiden, ob er lieber die Möglichkeit bekommt zu zoomen oder ob er lieber auf maximale Lichtstärke und Freistellung setzen möchte.

Fazit:

Mein Fazit ist, dass im Nahbereich die Festbrennweiten einfach deutlich besser einzusetzen sind. Um euch zu beruhigen, ich habe das auch schon mit anderen Marken probiert, da sieht es genauso aus. Das ist einfach der Preis, den man dafür zahlt, zoomen zu dürfen, und der tatsächliche Grund, warum ich bei der Makrojagd immer auf Festbrennweiten setze und dann entsprechend 100/150/180/300/400mm als Festbrennweiten nutze und nicht die Zooms. Die variable Brennweite wird im Nahbereich ohnehin selten benötigt, da man hier durch eine leichte Abstandsveränderung sehr gut den genutzten Abbildungsmaßstab anpassen kann. Auch für die Fotografen von kleinen Singvögeln heißt das, dass die Festbrennweiten besser geeignet sind.

Hier noch ein paar Beispiele aus dem Makrobereich. Jeweils vom gleichen Standpunkt aus aufgenommen.

 


Canon EOS 5DSR + Canon 2,8 400mm L IS II @ 2,8 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 

Canon EOS 5DSR + Canon 4,0 200-400mm L IS @400mm F4,0 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,0 200-400mm L IS +1,4X Extender @560mm F5,6 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II


Canon EOS 5DSR + Canon 2,8 400mm L IS II @ 2,8 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

 


Canon EOS 5DSR + Canon 4,0 200-400mm L IS @400mm F4,0 + Novoflex PRO75 + Novoflex Classicball 5 II 

Noch ein paar Worte zur Bearbeitung: Alle Bilder wurden ganz normal in Adobe Camera RAW entwickelt mit identischen Werten. Bei den Bildausschnitten (Nummernschild) wurden überhaupt keine Anpassungen vorgenommen, bei den anderen Aufnahmen wurde ganz leicht der Kontrast angepasst. Hier wurden auch alle Bilder identisch entwickelt.

NEUERE EINTRÄGEÄLTERE EINTRÄGE

Sollten in diesem Blogbeitrag irgendwelche Marken genannt, verlinkt oder erkennbar sein, so handelt es sich um Werbung, unabhängig davon, ob dafür eine Gegenleistung erfolgt oder nicht.

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