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Canon TS-E 3,5 24mm L II Praxisbericht

15. März 2013

Erfahrungsbericht, Fototechnik, Objektivtest

Wenn man mich vor einigen Jahren nach einem Tilt-/Shift-Objektiv und dessen Gebrauch gefragt hätte, hätte ich nur den Kopf geschüttelt und es für unnötig gehalten. Dann kam irgendwann ein guter Fotofreund mit mir auf Tour und zeigt mir sein brandneues 24er TS-E aus der ersten Serie und so langsam konnte ich mir vorstellen, was man damit machen könnte. Irgendwann kam der Punkt, dass ich mir selbst das neue Canon TS-E 3,5 24mm L II gekauft habe und ich muss sagen, heute ist es für mich nicht mehr wegzudenken. Mein Fazit vorab, es ist optisch das beste Objektiv für Canon EF.


An der stürmischen Küste Norwegens leistet mir das TS-E 24 II gute Dienste

Allgemeines:

Das Design des TS-E 24 II ist etwas gewöhnungsbedürftig und wirkt fast retromäßig. Allerdings benötigt man alle kleinen Hebelchen und Rädchen. Das TS-E ist als Superrotator gebaut, was bedeutet, dass man die Tilt- und Shift-Funktion.frei gegeneinander verdrehen kann. Dies ist in der Praxis ein großer Pluspunkt. Mit der ersten Version und dem Konkurrenzprodukt aus dem Hause Nikon ist das nicht möglich. Das Objektiv hat keinen Autofokus. Es ist nicht abgedichtet und wenn es einmal richtig nass wird, wird die Mechanik sehr schwergängig, da dann die Filzteile aufquellen. Allgemein ist das TS-E wesentlich empfindlicher als die normalen Objektive der L-Serie. Mit etwa 800 Gramm Gewicht ist es ein recht schweres Weitwinkel. Der Neupreis beträgt etwa 2000 EUR, was für ein Weitwinkel sehr teuer ist.

 


Ausgetiltet und ausgeshiftet, ist sowohl der Pilz als auch der Wald scharf

Optische Eigenschaften:

Das Canon TS-E 3,5 24mm L II ist optisch über jeden Zweifel erhaben. Die Schärfe ist über den kompletten Bildbereich exzellent. Auch in den Bildecken ist kein Randabfall zu bemerken. Chromatische Aberrationen muss man mit der Lupe suchen und selbst dann wird man eigentlich nicht fündig. Das Objektiv ist nicht streulichtanfällig und auch die Vignettierung fällt sehr gering aus. Für mich gibt es an der optischen Leistung schlichtweg nichts zu kritisieren.

Verarbeitung:

Das TS-E 24mm L II ist sehr gut verarbeitet. Die Haptik stimmt. Die Abdichtung fehlt jedoch für mich in der Praxis wirklich. Bei der aufwendigen Mechanik bezweifle ich jedoch, dass das Objektiv überhaupt abgedichtet hergestellt werden könnte. Insgesamt ist das Objektiv anfälliger gebaut als andere und musste bei mir 2011 zum Service, da der Tilt einiges an Spiel hatte. Ansonsten läuft die Mechanik rund und funktioniert wie sie soll.
Sonstige Eigenschaften:
Mit einer Offenblende von 3,5 gehört das TS-E nicht zu den lichtstarken Objektiven. Dies ist jedoch nur bei Nachtaufnahmen hinderlich. Das Objektiv hat ein 82mm Filtergewinde, somit lassen sich problemlos Filter aller Art verwenden. Außerdem ist es mit einem maximalen Abbildungsmaßstab von 1:3 perfekt dazu geeignet im Nahbereich verwendet zu werden. Pflanzen lassen sich bestens in ihrem Umfeld abbilden.

Praxis:

Ich habe mich bemüht die technischen Ausführungen möglichst gering zu halten, immerhin gibt es hierzu genügend im Netz zu finden. Viel wichtiger erscheint mir der Blick auf die Praxis. Warum sollte man sich so eine horrend teure Festbrennweite von 24mm in den Rucksack packen? Ich persönlich finde die Brennweite von 24mm als Weitwinkel in der Naturfotografie als nahezu perfekt. Es ist genug Weitwinkel für fast alle Situationen. Gleichzeitig bleiben die Proportionen im Bild erhalten, was gerade bei Superweitwinkelobjektiven nicht der Fall ist. Doch eine 24mm Festbrennweite kann man auch für deutlich weniger Geld bekommen. Der zweite Vorteil ist die Tilt- und Shift-Funktion.
Tilt bedeutet, dass man die Schärfeebene verlagern kann. Bei normalen Objektiven ist die Schärfeebene eine Parallele zum Sensor. Dank des Tilts kann man diese Ebene verschwenken. Mit Hilfe der Shift-Funktion lassen sich stürzende Linien korrigieren oder einfach Panoramen erstellen.
Das klingt erst einmal nach zwei Funktionen, die man überhaupt nicht braucht für die Naturfotografie, doch im Gegenteil: sie sind extrem nützlich. Die Kombination aus Tilt und Shift ermöglicht es, stürzende Linien in Wäldern oder in den Bergen zu vermeiden und gleichzeitig kann man die Schärfeebene so legen, dass das Bild von vorne bis hinten scharf ist. Dabei kann man im optimalen Blendenbereich von 8-11 arbeiten und umgeht somit auch noch jegliche Beugungsunschärfe.
Das Vorgehen vor Ort sieht dabei wie folgt aus: zuerst wird die Kamera mittels Wasserwaage ausgerichtet. Wichtig ist dabei, dass sie wirklich waagerecht ausgerichtet ist und nicht nach vorne oder hinten geneigt ist. Im Anschluss wird der genaue Bildausschnitt mittels Shift eingestellt. Ist dieser gewählt, muss der Tilt eingestellt werden. Bei normalen Landschaftsfotos reichen in der Regel 0,5-1,5 Grad aus. Das Einstellen bedarf einiges an Erfahrung. Am Anfang schießt man gerne über das Ziel hinaus.
Neben den traditionellen Landschaftsaufnahmen lassen sich mit Hilfe der Tilt-Funktion auch die beliebten Miniatureffekte erzielen. Mit der Shift-Funktion kann man außerdem hervorragend Panoramas erzeugen, indem man einfach 3 Aufnahmen macht, bei denen man einmal nach links, einmal nach rechts und einmal nicht vershiftet (alternativ ist auch das vershiften nach oben, unten und nicht vershiften denkbar). Ich benutze das Objektiv hierfür jedoch nur sehr selten.

 


Bei starkem Wind benötigt man eine schnellere Verschlusszeit, dank Tilt und Shift ist bei diesem Beispiel bei f/8 alles von vorne bis hinten scharf

 


Ein 100% Ausschnitt aus dem Bereich unten rechts

 


Ein 100% Ausschnitt der Berge im Hintergrund

Fazit:

Das neue TS-E 3,5 24mm L II ist ein optisch rundum perfektes Weitwinkelobjektiv. Dieses Objektiv ist für jeden Landschaftsfotografen ein Muss. Ich persönlich habe es mittlerweile seit vier Jahren im Einsatz und will es nicht mehr missen.

 


Eine Spielerei um zu zeigen, was man für Effekte mit Tilt und Shift erzeugen kann

 


Eine Gegenüberstellung, hier ein Bild ohne Shift

 


Hier das Bild ausgeshiftet

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